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    Gegensätze ziehen sich an vs. Gleich und Gleich gesellt sich gern: Wie viel Gemeinsamkeit braucht eine Beziehung?

    15. Januar 2021

    by Tara W.

    Im Gespräch: Gabriele Aigner, Einzelpaar- und Sexualtherapeutin in München

    Gabriele Aigner ist Einzel-, Paar- und Sexualtherapeutin in München und blickt auf 20 Jahre Beratertätigkeit zurück. Sie berät Einzelpersonen und Paare, hält Vorträge und gibt Kurse. Ihre Berufung entstand aus ihrem eigenen Interesse an Psychologie, zwischenmenschlichen Beziehungen und Tantra. Sie ist systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin und klinische Sexologin. Gabriele Aigner spricht neben Deutsch auch Englisch, Italienisch und Spanisch und arbeitet deshalb auch viel mit binationalen Paaren. 

    Mit welchem Problem kommen Paare am häufigsten zu Ihnen?

    Meine Klienten sind zwischen 16 und 84 Jahre alt und es kommen Einzelpersonen wie auch Paare in verschiedenen Beziehungskonstellationen zu mir. Themen der Beratung sind alle Lebens- und Beziehungsphasen: Zu Beginn einer Beziehung, nach dem Zusammenziehen, nach dem ersten Kind, nach einer Affäre oder nach schwerer Krankheit oder wenn die Kinder ausziehen und das Paar nach Jahrzehnten wieder auf sich gestellt ist.

    In dem Sinne gibt es kein Hauptthema. Das liebe ich an meinem Beruf, dass das Leben unglaublich bunt, abwechslungsreich und herausfordernd sein kann.

    Es gibt Paare, die einfach alles zusammen machen und Paare, in denen jeder eigenen Hobbies und Interessen nachgeht, bis hin zu Urlaubsreisen ohne den Partner. Welche Auswirkungen hat dies Ihrer Meinung nach auf die Beziehung? Gibt es ein gutes Gleichgewicht?

    Alles, was zwei Menschen miteinander machen, hat Auswirkungen. Ich nutze zur Veranschaulichung gern zwei Kreise (ein Kreis ist jeweils ein Partner / eine Partnerin) und die gemeinsame Schnittmenge symbolisiert die Beziehung. In allen Varianten der Überschneidung (kleinster gemeinsamer Nenner und viel Individualbereich oder viel Überlappung und wenig persönlicher Spielraum) leben Menschen Beziehungen. Es gibt die symbiotische Beziehung, bei der – überspitzt formuliert - das Paar Tandem fährt, im Partnerlook auftritt und immer einer Meinung ist. Wenn es beiden mit viel Nähe gut geht, ist das wunderbar. Wenn Partner in zwei Städten wohnen und sich selten sehen, ist die Schnittmenge gering und sie haben viel eigenen Raum, den Arbeit, Freizeitgestaltung, Freunde und soziales Netzwerk ausmachen. 
    Wichtig ist nicht nur die Quantität, sondern die Qualität des Zusammenseins. Was machen zwei Menschen miteinander? Wie gestalten sie die gemeinsame Zeit? Wie viel Zweisamkeit brauchen beide und wie viel eigenen Raum und Hobbies? Ob Fußball oder Zumba? Beziehung bedeutet im Laufe der Jahre immer wieder einen guten Ausgleich zwischen Individualbereich und Partnerschaftsebene zu verhandeln und zu finden. Wichtig ist, dass es beiden gut geht und nicht einer das Gefühl hat, zu kurz zu kommen oder auf zu viel zu verzichten.
    Es gibt noch weitere Lebensbereiche, in denen wir uns bewegen: z.B. die Elternebene mit unseren Kindern, wir sind Mutter oder Vater, oder die berufliche Ebene und die Freunde.
    Viele Konflikte in Partnerschaft haben mit zu viel oder zu wenig Nähe oder Distanz in all diesen Bereichen zu tun.


    Foto: Gabby K, Pexels

    Hat die Art und Weise des Kennenlernens Auswirkungen auf die Beständigkeit der Beziehung?

    Wo und wie sich zwei Menschen begegnen, ist für den Verlauf einer Beziehung letztlich nicht so bedeutend.
    Heute lernt sich fast die Hälfte aller Paare online kennen, erst recht, wenn Menschen während des Lockdowns nicht ausgehen können und viel am Rechner sitzen. Es kann beim virtuellen Kennenlernen genauso funken oder nicht wie im realen Leben.
    Wesentlich ist, an welchem biografischen Punkt im Leben stehen beide gerade: Wollen sie ihr Leben erstmal frei mit gemeinsamen Reisen genießen, sich während des Studiums unterstützen, sich in einer offenen Beziehung oder Polyamour ausprobieren oder gleich Familie gründen? Oder Karriere machen? Sind beide gerade frei oder haben sie sich – eigentlich in anderer Beziehung gebunden - auf einer Seitensprungplattform kennengelernt? 
    Was verbindet und was trennt zwei Menschen? 
    Alpenverein und die Liebe zur Natur? Oder Club der Spätzleliebhaber? Der Job: im Team oder als Chefin und Assistent?
    Wenn einer Kinder will und der andere die Familienplanung schon abgeschlossen hat, ist das ein großer, kaum überwindbarer Unterschied. Einer von beiden wird draufzahlen, egal wie groß die Liebe anfangs ist.


    Foto: Andre Furtado, Pexels

    Sie arbeiten mit Paaren, die verschiedene Religionen/kulturelle Hintergründe haben. Welche Auswirkungen hat dies auf eine Beziehung?

    Bi-nationale Beziehungen werden immer häufiger und sind eine spannende, bereichernde Herausforderung. Nehmen wir an, zwei Menschen lernen sich auf Reisen kennen – das ist meist ein romantischer Ausnahmezustand. Oder sie begegnen sich im Heimatland von einem der beiden. Wenn man zu Besuch ist, dann ist das keine normale Alltagssituation. Wenn sich beide dann füreinander entscheiden und einer zum anderen zieht, haben diese beiden Menschen dann von 0 auf 100 Alltag.
    Da kommen dann plötzlich eine Menge unromantischer, pragmatischer Aufgaben und Probleme auf beide zu: Aufenthaltsgenehmigung, Sprache, Anerkennung von Ausbildungen, Studium oder Berufstätigkeit, Arbeit, Geld, Familie, Freunde. Ausländische Ausbildungen werden in Deutschland zum Teil nicht anerkannt. Dann kann eine vorher in Lateinamerika erfolgreiche Ärztin unter Umständen hier erst einmal nicht arbeiten. Daraus entstehen für beide eine große Verantwortung, Abhängigkeit, Frust, Erwartungshaltung und Last.
    Für den, der alles aufgegeben hat, der im neuen Heimatland plötzlich alles sein muss: Freund, Familie, Bürokrat, Übersetzer, Geldverdiener. Da muss viel von beiden bewältigt werden – und damit hat man am Anfang nicht gerechnet.


    Foto: James Lee, Instagram

    Dann das Element Sprache: Sprechen sie die Muttersprache von einem oder in einer Drittsprache? Je nach Fähigkeit gibt es Schwierigkeiten, etwas auszudrücken. Sprache unterliegt ja so vielfältiger gesellschaftlicher und kultureller Bedeutungsgebung: Wie lebt ihr Beziehung? Wann heiratet man? Welche Rolle spielt Religion? Wo beginnt Treue bzw. Untreue? Was dürfen Frauen hier und in Deinem Land und was nicht? Welches Männerbild kennst Du? Wie gehen wir mit irritierenden Unterschieden um? 
    Manchmal heiratet man auch schnell, vielleicht wegen einer Aufenthaltsgenehmigung, ohne zu überprüfen, ob man auch wirklich zusammenpasst.
    Für die Balance in der Beziehung kann es wichtig sein, die Muttersprache des anderen zu lernen, sich für die Kultur und Religion und Werte des anderen zu interessieren, immer wieder in das Land des anderen zu fahren, damit der Teil der Fremde Teil des Lebens von beiden ist.
    Es sind Kleinigkeiten, die unsere biografische kulturelle oder nationale Identität ausmachen und Verbindung und damit Zugehörigkeit schaffen. Sage ich z.B. „Mauerfall“ denken wir an Berlin 1989, oder „Mit 66 Jahren“ sehen wir beide Udo Jürgens am weißen Flügel. In interkulturellen Beziehungen gibt es diese gemeinsame Geschichte nicht. Da braucht es viel Gespräch, mit-teilen, um eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame Identität aufzubauen und immer wieder zu erarbeiten. Das ist schön, faszinierend, reizvoll fremd, aber auch anstrengend. 
    Einfacher ist es für zwei Menschen, wenn beide im Land etabliert und berufstätig sind und sich z.B. in der Arbeit kennenlernen, dann haben beide schon eine finanzielle und soziale Basis.

    Paare, die auch beruflich zusammenarbeiten vs. Paare, die völlig unterschiedliche Berufe ausüben (bis hin zu gegensätzlicher Schichtarbeit) - Welche Auswirkungen hat dies Ihrer Meinung nach auf die Beziehung? Gibt es eine „gute Mischung“?

    Im Beruf verbringen wir normalerweise die meiste Zeit unseres Tages. Mag ich, was ich mache? Steh ich dahinter oder mache ich es des Geldes wegen? Trage ich Verantwortung? Für mich als Freiberufler oder für ein Team? Komm ich gut klar mit Kollegen oder ist mir der Montagmorgen ein Graus? Natürlich hat es Einfluss auf den Feierabend, wie jemand den Tag verbracht hat. Reden wir abends über Job oder auch über uns? Bin ich zufrieden, neidisch, überarbeitet, gestresst?
    Gute Mischung ist z.B. eine halbe Stunde über die Arbeit reden und dann ist Paarzeit. Bestmöglich nicht auch im Schlafzimmer noch Emails beantworten.

    Inwiefern wirken sich Einkommensunterschiede auf eine Beziehung aus?

    Geld ist ein häufiges Streitthema in Partnerschaften. In Deutschland verdienen nach wie vor viele Frauen in ihren Berufen weniger als Männer, was nach wie vor bei Familiengründung dazu führt, dass der Mann der Hauptverdiener ist. Das führt dann in vorher gleichberechtigten Beziehungen zu Ungleichgewicht. Diese Schwierigkeiten lassen sich nicht leicht lösen. Die Paare müssen reden und immer wieder schauen, dass sie sich gegenseitig für das, was sie tun, wertschätzen. Da gibt es in Deutschland noch einiges zu tun an tatsächlicher Gleichstellung, ausgewogener Kinderbetreuung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide.


    Foto: Git Stephen Gitau, Pexels

    Gibt es Ihrer Meinung nach frühe Anzeichen, wenn zwei Menschen nicht auf lange Sicht zusammenpassen? Welche sind das?

    Hand aufs Herz: Man weiß am ersten bzw. zweiten Abend, ob das passt oder nicht. Ich meine damit ganz grundsätzlich: fühle ich mich angezogen und wohl in der Gegenwart des anderen?
    Was erzählt dieser Mensch von sich, von seinen Wünschen, Plänen, Vorstellungen? Sagt mir das zu oder denke ich: „Geht eigentlich gar nicht, aber das gewöhne ich ihm schon noch ab.“
    Ganz praktisch: Sportskanone oder Couchpotatoe, Rauchen oder Gesundheitsapostel, Veganer vs. Fleischesser, Kinderliebhaber oder Karrierist, Stadt- oder Landmensch. Wenn das, was der andere hier sagt, meiner Planung grundlegend widerspricht, sollte man am besten aufstehen und gehen. 
    Gehen wir einfachheitshalber davon aus, dass der andere so ist, wie er ist. Dass er meint, was er sagt und gerne dafür gemocht wird, wie er ist und nicht verändert werden will, um in eine Beziehung zu passen. Umerziehen wollen, macht beide unglücklich.
     Ich kaufe ja auch keinen Smart und beschwere mich dann, dass es keine Porsche ist.

    „Gegensätze ziehen sich an“ – Inwiefern stimmt das? 

    Man sagt auch „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Beides stimmt. Da sind wir wieder bei der Darstellung der Kreise und der Schnittmenge. Gleich und gleich bedeutet: viel Übereinstimmung, Nähe und Geborgenheit, Sicherheit, Zugehörigkeit. Gegensätzlich ist, was fremd ist, das erzeugt Distanz, Freiheit und gegebenenfalls auch Unsicherheit. Gesellig vertraut und gegensätzlich fremd geht nicht gleichzeitig mit einem Menschen in Beziehung – nur nacheinander.

    Foto: Gustavo Fring, Pexels

    Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimnis einer langanhaltenden Beziehung?

    Eine Beziehung muss man pflegen, wie man seinen Körper pflegt: mit gemeinsamen Unternehmungen, immer wieder die Zukunftsplanung gemeinsam überdenken und sich körperlich miteinander wohlfühlen.
    Die Regeln für eine gute Beziehung lassen sich in 4 Bereiche teilen:
    1. Gut miteinander reden können & guten Umgang pflegen

        Es interessiert mich, was den anderen bewegt und wir können darüber reden. Das ist eine wertschätzende, wohlwollende Grundhaltung und freundlicher Umgang.

    2. Gemeinsame Aktivitäten
        Wenn sie etwas gemeinsam machen, wird es Teil ihrer gemeinsamen Geschichte. „Weißt du noch, damals?“ - dieses Gefühl verbindet. Da fühlt man sich dem anderen nah.
    3. Gemeinsame Werte & Zukunftsplanung
        Was sind ihre Wertvorstellungen? Wonach richten Sie sich im Leben aus?
        Gesundheit, Erfolg, Familie, Religion, Politik, Nachhaltigkeit? Gemeinsame Werte zu teilen verbindet. Unterschiede können Konfliktpotential bergen: SUV vs. Umweltschutz, Sparen vs. Kreuzfahrt.
    4. Sex & Körperlichkeit
        Man muss sich riechen können und körperlich wohlfühlen und neugierig sein auf ein sexuelles Miteinander. 

    Wir danken Gabriele Aigner für das Gespräch. 
    @diamondsfactoryworld